Kritische Gedanken zur Stadtentwicklung

Seit der letzten Mitgliederversammlung im August 2007 ist ein halbes Jahr vergangen. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen sowie eine Einschätzung über die weitere Zukunft des Arbeitskreises und dessen Zukunftsfähigkeit abzugeben.

Gespräche mit der Politik – kein Empfang mit offenen Armen

Als wir unsere Ziele, wie kinder- und familienfreundliches Bauen und Nachhaltigkeit, vorgetragen und diskutiert haben, war zumindest in manchen Gesprächen unterschwellig zu hören, dass man dazu den Arbeitskreis Autofreie Siedlung Köln (ASK) ja eigentlich nicht mehr benötige, diese Ziele seien ja mittlerweile schon „Common Sense“ und würden auch von den Investoren schon berücksichtigt (z.B. Pauli-Höfe, Rhein-Kai).
Wie kinder- und familienfreundlich und wie nachhaltig wird heute gebaut?
Dem können wir nicht zustimmen: Man stößt noch häufig genug auf Neubaugebiete, vor allem in der Peripherie, mit Stellplätzen und Erschließungsstraßen direkt vor der Haustüre. Da auch hier zu schnell gefahren wird, müssen die Kinder zum Spielen separate Spielplätze aufsuchen, der Straßenraum (häufig als „Spielstraße“! ausgewiesen) ist in der Regel zu unsicher. Das sehen wir nicht als kinder- und familienfreundlich an.

gutes Beispiel für eine schlechte Spielstraße
Natürlich gibt es mittlerweile auch Bauvorhaben, wo diese Aspekte besser umgesetzt wurden. „Autofreier Boulevard“, „Autofreie Oase“ oder ähnlich heißt es in den Verkaufsprospekten. Aber auch hier sind die Forderungen des ASK auch nur ansatzweise erfüllt:
  • zwar autofreier Innenbereich, jedoch zum Teil ins Wohngebiet hineinragende Tiefgaragenzufahrten, kleinere autofreie Bereiche, jedoch häufig durch Erschließungsstraßen unterbrochen.
  • (Tiefgaragen)Stellplätze – und damit verbunden die Verfügbarkeit eines eigenen PKWs -behindern die Entwicklung von Mobilitätsdienstleistungen und –bausteinen wie Verleih von Handwagen, externe Lieferdienste, „we walk to school“ oder „we walk to kindergarten“
  • häufig unzureichende Fahrradabstellanlagen verhindern oder erschweren die Nutzung des Fahrrades
  • Stellplätze und Erschließungsstraßen führen zu höheren finanziellen Belastungen der Bewohner und des Gemeinwesens und zu entsprechendem Flächenverbrauch – zulasten kinder- und familienfreundlicher Freiräume

viel Platz für Autos (Foto Lincoln Institute of Land Policy)

Auch was die Nachhaltigkeit im Energiebereich angeht, so wird bislang nur in seltenen Fällennach KfW-60 gebaut.

Also, hier scheint – entgegen der Bekundungen der Politik – noch einiges zu fehlen, zumindest aus unserer Sicht. Also doch noch eine Aufgabe für den ASK?

Wer kümmert sich um eine wirklich zukunftsfähige Stadtentwicklung?

Wir reden hier nicht vom vielbeschworenen Klimawandel. Obwohl wir dieses Thema absolut wichtig finden, ist hier noch nicht mal in Ansätzen erkennbar, dass Politik und Verwaltung dabei einen Zusammenhang mit der Stadtentwicklung erkennen. Es wird weiter so geplant, wie bisher. Auswirkungen auf den Städtebau: Fehlanzeige.

Aber bereits jetzt ist ein großer und mächtiger Verbündeter für unsere Ziele vernehmbar: Der Ölpreis. Und dieser Ölpreis wird uns, den ASK, bei seinen zukünftigen Aufgaben maßgeblich unterstützen.

Zitat: „Ausgehen werden uns die Ölvorräte noch für Jahrzehnte nicht, aber das "Ausgehen" ist nicht das Problem. Die beiden wirklich wichtigen Fragen sind, wann uns das billige Öl ausgeht, und ab wann es Versorgungsengpässe gibt. Einschlägige Experten sind der Meinung dass sowohl das Zeitalter des billigen Erdöls vorbei ist als auch dass es Versorgungsengpässe geben wird.“. Es gibt Experten, die damit rechnen, dass in ca. 15 Jahren das Zeitalter des preiswerten, des für die breite Bevölkerung bezahlbaren Öls zu Ende geht. Es ist nach unserer Einschätzung nicht so wichtig, ob es nun 15, 20, 25 oder gar 30 Jahre sein werden. Wichtig ist, und das wissen alle: Die fossilen Brennstoffe gehen zur Neige.

Wie lange reichen die Ölreserven?

Ausgehend von diesem Szenario ist eine Konsequenz, dass der motorisierte Individualverkehr (MIV), zumindest in seiner heutigen benzinbetriebenen Form in vielleicht 50 Jahren verschwunden sein wird. Aus Sicht der zweitausendjährigen Geschichte Kölns gab es das Auto also nur eine verschwindend geringe Zeit, nämlich gut 100 Jahre, eine kleine Episode, mehr nicht.
Allerdings mit gravierenden Hinterlassenschaften:
  • große Verkehrsschneisen wie Nord-Süd-Fahrt, überdimensionierte Straßen aller Art, selbst viele Erschließungsstraßen sind ohne den MIV zu groß und überdimensioniert und später zum Teil nicht mehr nutzbar (Welcher Fußgänger oder Radfahrer begibt sich schon gerne und freiwillig in den Nord-Süd-Fahrt-Tunnel?)
  • leerstehende Tiefgaragen und Parkhäuser, die nicht weiter nutzbar sind, sondern nur noch Kosten verursachen werden
  • periphere Wohnstandorte, die nur mit hohen Kosten an den ÖPNV anzuschließen sind

Hierin sehen wir auch unsere Aufgabe, nämlich zu einem Umdenken so früh wie möglich beizutragen und schon frühzeitig die Weichen richtig zu stellen.

Ein ASK-Masterplan für Köln?

Macht beispielsweise die immer wieder geforderte Tieferlegung der Nord-Südfahrt noch Sinn? Oder wird hier möglicherweise viel Geld in ein Bauwerk investiert, welches gar keine Chance mehr hat, sich zu amortisieren?
Jeder Euro, der heute noch in das auslaufende MIV-System investiert wird, wird fehlen, wenn es um die erheblichen Kosten der Umstellung auf ein nicht-MIV-basiertes Verkehrssystem geht.

Schlussfolgerungen für den Siedlungsbau: Eine konsequente Entwicklung von Siedlungen, die im Wohnbereich autofrei sind, möglichst stellplatzreduzierte Parkplätze bzw. Parkhäuser am Siedlungsrand in preiswerten weniger attraktiven Lagen, auch entfernte Lagen sind möglich. Diese Quartiersgaragen oder Parkhäuser kann man später relativ preiswert zurückbauen, sprich abreißen.

autofreier Wohnbereich in der Autofreien Siedlung Köln-Nippes

Und wie geht man mit dem Siedlungsbestand in Köln um?

Glücklicherweise sind hier die meisten Straßen und Viertel älter, viel älter als der MIV, d.h. sie haben per se zukunftstaugliche Dimensionen. Die Infrastruktur, die Hardware passt. Hier braucht im Wesentlichen nur die Software angepasst werden:
  • Stellplätze sukzessiv abbauen, Schritt für Schritt. Auf den großen Wert der Kölner Plätze wurde auch vom Frankfurter Büro AS&P Albert Speer & Partner, das mit der Erstellung eines städtebaulichen Masterplanes für die Kölner Innenstadt als Leitlinie der Entwicklung bis 2020 beauftragt wurde, hingewiesen: Wenn die Plätze halt nur nicht wie heute als Parkplätze benutzt würden. Dann könnten sie auch wahrgenommen werden. Übergangsweise können Quartiersgaragen oder Abstellanlagen – möglichst an den Quartiersrändern – angelegt werden.
  • Schaffung von alternativen Mobilitätsangeboten (auch im Trend bei einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung) – wie Verleih von Transportmitteln, Lieferdienste, Schließfachanlagen, Mobilitätsberatung, Mobilitätshilfen
  • Verbesserung des bereits vorhandenen CarSharing Angebotes (v.a. Stationsdichte)
  • Verbesserung des vorhandenen Fahrrad-Verleih Angebotes

Überzeugungsarbeit ist angesagt. Harte, langwierige Überzeugungsarbeit, allerdings: Der Ölpreis wird uns unterstützen.

Warum soll sich der ASK um diese Aufgabe kümmern?

Weil wir weit und breit die einzigen sind, die – zumindest was Wohnsiedlungen anbelangt - bereits jetzt schon entsprechende und praktikable Konzepte für die Zukunft ausgearbeitet haben. Wir haben dafür schon einen „Masterplan“. Und wir haben dazu mit der Autofreien Siedlung in Köln-Nippes bereits heute ein Modell – übrigens von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Februar 2007 als beispielhaftes Projekt in der Entwicklung neuer Wohn- und Lebensformen ausgezeichnet - anhand dessen wir zeigen können, wie die Zukunft funktionieren kann.

Hier können Kinder ungestört und ungefährdet spielen.

Solange kein Umdenken erfolgt, so lange bleibt der ASK notwendig und wichtig.

Die nächsten konkreten Schritte

Es stellt sich jetzt die Frage, wie wir die beschriebene Strategie konkret umsetzten können. Werfen wir einen Blick auf drei derzeit geplante Baugebiete, die sich für alternative Siedlungsprojekte eignen:
  • Kinderheim Sülz Die Planung ist schon zu weit fortgeschritten. Geplant ist zwar ein autofreier Innenbereich, jedoch mit der üblichen Tiefgarage bei nicht reduziertem Stellplatzschlüssel.
  • Waldbadviertel Köln-Ostheim Geplant sind Gespräche mit der GAG, welche dieses Gelände derzeit beplant
  • Eifelwall Hier ist ein städtebaulicher Wettbewerb geplant. Für diesen Wettbewerb wird vorgesehen, autofreies studentisches Wohnen in einem Teilbereich der geplanten Bebauung zu berücksichtigen. Es gibt darüber hinaus politische Überlegungen, den Wettbewerb um die Möglichkeiten eines gesamten autofreien Projektes zu erweitern. Der ASK ist hier mit Politikern des Stadtteils Lindenthal im Gespräch und plant Infostände im Stadtteil.

Nach wie vor gilt der Aufruf an alle: Arbeitet mit! Je schneller wir ein Umdenken erreichen, desto besser wird es für die zukünftigen Generationen sein. Und vielleicht kommt ja doch noch der/die eine oder andere zu seiner/ihrer Lebzeit in den Genuss des autofreien Wohnens.

Hans-Georg Kleinmann
www.autofreie-siedlung-koeln.de

 

   


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